Antipathie und Perfektionismus

Vor einigen Wochen habe ich davon erzählt, wie schwer es mir fällt, nach einem Kontakt eben diesen korrekt einzuordnen und ich möchte ein wenig näher darauf eingehen, was das für mich bedeutet.

Die Situation hat sich inzwischen tatsächlich ein wenig entspannt. Ich fühle diese Panik nicht mehr nach jedem Kontakt. Darüber war ich verwundert und als ich die Panik doch wieder spürte, musste ich ein wenig darüber nachdenken, was das Ganze noch beeinflussen könnte. Denn es geht nicht nur darum, wie ich die Handlungen meines Gegenüber einschätze, sondern auch darum, dass ich die Bewertung meines eigenen Verhaltens einschätzen muss.

In dem ersten Text ging es mir vor allem darum, dass ich die Handlungen meines Gegenübers nicht einschätzen kann, weil mir die Verbindung zur non-verbalen Ebene fehlt. Ich weiß nicht, in welchem Ton jemand was gesagt hat. War das ein abwertender Ton oder ein wohlwollender? Ich weiß es nicht.

In diesem Text möchte ich darauf eingehen, was es mit mir macht, nicht einschätzen zu können, wie mein Gegenüber meine eigenen Handlungen bewertet. Ich habe nämlich keine Ahnung! Ich habe im groben eine Idee, was der gesellschaftliche Konsens ist, nichtsdestotrotz erlebe ich da sehr häufig inkongruentes Verhalten. Selbst Regeln, die ich als klar und feststehend erlebe, können schwerste Diskussionen auslösen, weil dennoch viele am Individuum selbst entscheiden wollen, ob diese Regel jetzt gilt, oder nicht.

Zum Beispiel: Wenn ein Mann eine Frau aus Eifersucht tötet, dann ist das immer falsch, wenn aber eine Frau häusliche Gewalt erfährt und ihren Peiniger irgendwann tötet, dann ist diese Handlung im größten Teil der Bevölkerung durchaus akzeptiert, wenn er natürlich auch unter Strafe steht. Und trotzdem gibt es auch hierbei noch Menschen, die den ersten nicht verurteilen, den zweiten jedoch schon. Ferdinand von Schirach hat da einige Fälle geschildert, in denen diese eigentlich sehr klaren Regeln durch die Umstände und die Individuen in Zweifel gezogen werden.

Ob nun eine Ausnahme angebracht ist oder nicht, vermag ich nicht einzuschätzen, denn für mich sind das vollkommen willkürlich getroffene Entscheidungen. Es gibt keine Logik hinter diesen Entscheidungen. Sie erfolgen nach Gefühl. Was auch immer das sein soll.

Ich bekomme nun also oft gesagt, dass meine eigenen Ansprüche an mich selbst utopisch hoch sind. Dass ich zum Perfektionismus neige. Das stimmt, ich will das auch gar nicht leugnen. Ich selbst trage diesen Anspruch aber eigentlich gar nicht in mir. Selbstverständlich gehören Fehler zum Leben dazu und ich würde niemals einen anderen Menschen so hart beurteilen, wie mich selbst, weil ich genau weiß, wie schmerzhaft das ist.

Dass es soweit kommen konnte, wo das doch gar nicht meinem Naturell entspricht, hängt mit meinem Sein zusammen. Ich verhalte mich oft sozial merkwürdig. Ich reagiere nicht auf non-verbale Kommunikation. Sicher wird mein Verhalten fälschlicherweise als Zurückweisung verstanden, weil ich auf diese non-verbalen Zeichen nicht eingehe. Das führt vermutlich dazu, dass ich als unsympathisch eingestuft werde.

Ob ich im Vorfeld sage, dass ich non-verbale Kommunikation nicht wahrnehme, spielt im übrigen keine Rolle. Entweder ist es meinem Gegenüber sowieso egal oder aber er schafft es so oder so nicht, umzusetzen, was ich ihm da erzählt habe.

Eine Sache habe ich in meinem Leben gelernt. Wirst du gemocht, sind deine Fehler halb so wild. Wirst du nicht gemocht, wird jeder noch so winzige Fehler dazu genutzt, dich zu isolieren. Sie lauern förmlich darauf und es ist vollkommen egal, wie relevant dieser Fehler ist.

Ich bin für die meisten Menschen also eher nicht sympathisch, meiner Erfahrung nach. Ich bin ätzend, um genau zu sein. Ich gucke ihnen hinter die Fassade. Ich sehe sie. Ich kann das nicht unterdrücken, nicht verschweigen. Solange der Kontakt sehr oberflächlich ist, ich mich mit niemandem unterhalte, geht es noch. Es kommt aber immer irgendwann der Punkt, an dem ich mich offenbare und damit auch den anderen offenbare. Ob es ihm gefällt oder nicht. Ich bin eben ein Oger und den schätzen nur sehr wenige Menschen.

Dazu kommt diese Nichtreaktion auf non-verbale Kommunikation. Ich analysiere sie, sehe sie, erwidere aber keine Freundschaftssignale. Mir ist ganz klar, dass das sehr bedrohlich wirken muss, insbesondere, wenn da jemand verzweifelt versucht, sich hinter seiner Maske zu verstecken. Im Job hast du so jemanden halt immer dabei. Es kommt dann nur drauf an, in welcher Position sich dieser befindet.

Wenn ich also einen Job behalten möchte, bedeutet das für mich, dass ich keinen einzigen Fehler machen darf, weil ich unter verschärfter Beobachtung stehe. Gleichzeitig bräuchte ich aber mehr Verständnis für mich und meine Schwierigkeiten. Das Resultat ist weniger Verständnis für mich und meine Schwierigkeiten.

Oben drauf kommt dann noch, dass ich nicht gut einschätzen kann, ob etwas als Fehler eingestuft werden könnte. Ich weiß also, dass ich unter verschärfter Beobachtung stehe, ich weiß, dass ich in der Fehlerfrage eher schlechte Karten habe, weil mir aufgrund meiner Antipathie jeder Fehler stärker zu Last gelegt wird und dann weiß ich noch nicht einmal, ob ich jetzt einen Fehler gemacht habe, oder nicht.

Natürlich setze ich mich im Ergebnis maximalst unter Druck und mache darum insbesondere Fehler. Meine Arbeit wird auch immer schlechter. Ich kriege kaum noch vernünftige Gedanken zusammen, weil ich so sehr damit überfordert bin. Eine sich selbsterfüllende Prophezeiung, aus der ich auch nicht herauskomme. Darum warte ich nach jedem Kontakt auf die Kündigung.

Wie soll ich nur damit umgehen? Wie kann ich meine Situation verbessern? Ich weiß es nicht.

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Die Mär von der Last

Es gibt Regeln, wie ich mit mir selbst umgehen muss, damit es mir gut geht. Diese Regeln habe ich mir in den letzten Jahren sehr mühselig erarbeitet. Mich auch an diese Regeln zu halten, war noch drei Mal mühseliger. Es ist schwierig, diese Programme im Kopf umzuprogrammieren, aber davon lasse ich mich nicht abhalten.

Eine dieser Regeln lautet: Jeden Tag Bewegung, wenigstens moderate!

Leider halte ich mich oft nicht an diese Regel. Das hat mehrere Gründe, fürchte ich und ist darum auch kaum aufzulösen. Ich will versuchen, das alles zu sortieren.

Als erstes ist mir aufgefallen, dass ich damit im besonderen Schwierigkeiten habe, wenn ich einen Partner habe. Insbesondere, wenn wir gemeinsam wohnen, mein Partner Vollzeit arbeiten geht und ich die allermeiste Zeit zuhause bin. In dieser Konstellation passieren bereits mehrere Dinge auf einmal. Als ich noch mit mir allein war, klappte das besser, abseits der massiven Erschöpfung.

Ich habe das Gefühl, dass ich kein Recht darauf habe, meine Zeit zuhause zu verbringen. Ich bin in der Vergangenheit von meinem letzten Partner in jeder dieser Burnoutphasen von Woche zu Woche mehr unter Druck gesetzt worden, Vollzeit arbeiten zu müssen. Er war außerdem sehr bemüht, mich vom akademischen Werdegang abzubringen, wollte mich also immer und immer wieder in eine Ausbildung drängen.

Ich darf meine Zeit also nicht zuhause verbringen, ich muss arbeiten gehen, sonst bin ich eine Last und niemand will mit mir zusammen sein, wenn ich eine Last für ihn bin. Das ist, was mir von einem wichtigen Teil meiner Familie vermittelt wurde.

Es gibt nur eine Ausnahme, es muss mir sehr schlecht gehen. Wenn es mir sehr schlecht geht, darf ich mich aber nicht bewegen. Auch nicht moderat. Wem es sehr schlecht geht, der darf nur im Bett liegen. Ganz genau genommen ist nicht einmal duschen so richtig zulässig. Wenn ich also duschen und essen kann und vielleicht sogar noch ein bisschen spazieren gehen, verliere ich plötzlich meinen Halt und stelle mir die ernsthafte Frage, ob es mir überhaupt wirklich schlecht geht, oder ob ich das alles hier als Ausrede benutze, um auf Kosten meines Partners zu faulenzen.

An dieser Stelle kickt dann so ein bisschen der Feminismus bei mir rein.

Eine richtige Frau geht gefälligst selbst arbeiten und ist auf keinen Fall von ihrem Mann abhängig! Sie tut alles dafür, um gar nie erst in diese Abhängigkeit zu geraten. Sollte eine Frau doch einmal in diese Abhängigkeit geraten, dann hat sie auf voller Linie versagt und ist nicht länger ein vollwertiger Mensch, den irgendwer ernst zunehmen braucht.

Nein. Noch schlimmer! Ich bin ein bemitleidenswertes Opfer, über das alle traurig den Kopf schütteln. Und wehe ich jammere nicht täglich über den bösen Sexismus, der mir alles genommen hat und wegen dem ich nun in dieser entwürdigenden Position bin. Ich darf mich hier zuhause niemals wohlfühlen, sonst bin ich rückschrittig und wünsche mir vermutlich sogar Hitler zurück.

In diesem Sinne frage ich mich oft, inwiefern der Feminismus Frauen auch schadet, in ihrer Selbstbestimmung. Ich empfinde das als klare Einschränkung meiner Persönlichkeitsentwicklung.

An dieser Stelle fühle ich mich wie ein Totalversager und eine Schande für mein Geschlecht. Ich wollt es doch mal besser machen, als all die Hausfrauen, die in die Abhängigkeit geraten und dann in Altersarmut landen. Ich wollte Wissenschaftlerin werden.

Jetzt putze und koche ich. Ich habe also nicht nur ein kleines bisschen versagt, sondern den beschissensten Job der Welt angenommen. Hausfrau. Und auch darin bin ich wirklich sehr schlecht. Wenn ich es nicht einmal schaffe, den Haushalt ordentlich und regelmäßig zu machen, wenn ich nicht einmal die minimalsten Anforderungen, die an einen Menschen gestellt werden können, erfüllen kann, darf ich dann draußen spazieren gehen?

Was schlußendlich komplett den Rahmen sprengen würde, wäre, wenn ich in dieser sowieso schon beschissenen Situation auch noch die Chuzpe hätte, mir etwas Gutes zu tun oder noch schlimmer, Spaß zu haben. Nein, das geht gar nicht. Dabei spielt es dann auch keine Rolle, dass Sport durchaus irgendwie Arbeit ist, auch wenn mir das natürlich sehr viel Spaß macht und ich es liebe, an neuen Skills zu arbeiten. Ich bekomme in dem Moment ja kein Geld dafür und ich bin nur wertvoll, wenn ich Geld verdiene und ansonsten bin ich nur eine Last!

Ich denke, ihr seht, worauf das hinausläuft. Auf diese Weise drehe ich mich dann immer und immer wieder im Kreis und ich schaffe gar nichts. Ich lerne nicht, ich arbeite nicht, ich mache keinen Sport. Ich mache nicht mal mehr den Haushalt, weil ich nach zwei, drei Stunden in diesem Zirkel so ausgelaugt bin, dass ich einfach keine Kraft mehr für irgendwas habe. Selbst wenn es mir morgens, in meiner Morgenroutine, noch ganz gut ging und ich mich wohl fühlte.

Das Blöde dabei ist, dass das ja nicht nur meine Partner waren, die ordentlich auf dieses Konto eingezahlt haben. Meine Familie hat mit ihren Erziehungsmethoden, oder besser Entziehungsmethoden, einen ordentlichen Batzen oben drauf gepackt und Ämter schlagen heute in die gleiche Kerbe.

Mir wird seit meinem 13ten/14ten Lebensjahr von allen Seiten sehr deutlich gemacht, dass mein Empfinden bezüglich meiner Erschöpfung irrelevant ist und das ich mich gefälligst zusammenzureißen habe. Ob ich daran kaputt gehe, ist scheiß egal, dann muss wenigstens niemand mehr für meine Unproduktivität bezahlen.

Das Ganze ist für mich so anstrengend, weil ich schon mit 14 zu spüren bekommen habe, dass meine Familie mich nicht länger finanzieren möchte und ich ihnen bloß auf der Tasche liege. Mir sollte mit aller Gewalt klar gemacht werden:

Niemand will dein unnützes Leben finanzieren und es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob du dein Leben überhaupt selbst finanzieren kannst oder nicht. Geh gefälligst malochen, so wie wir anderen es auch jeden Tag müssen. Arbeit macht niemandem Spaß und auch du hast kein Anrecht auf Freude bei der Arbeit! Und wenn ich es nicht hinkriege, dann bin ich das halt selbst schuld. Meine Erschöpfung bilde ich mir ein. Ich will mich bloß vor der Arbeit drücken. Die anderen können es doch auch.

Oh Gott, wie viel dieses Verhalten mir gegenüber in mir kaputt gemacht hat. Dabei kann ich doch nun wirklich nichts dafür, dass ich so schnell erschöpft bin und ich tu wirklich mein Bestes! Ich wünsche mir jeden Tag, jede Stunde, dass ich wenigstens normal Energie habe.

Ich strenge mich jeden Tag so sehr an und trotzdem ist es einfach nie genug. Ich versuche auf meine Ernährung zu achten, ich achte auf essentielle Nährstoffe und das ich keine Mängel entwickle, ich versuche mit Kraftsport und harter Schlafdisziplin wirklich auch noch das letzte bisschen Energie aus mir herauszuquetschen. Mit aller Macht! Es ist einfach nicht genug.

Wenn ich dann mit Bär darüber spreche, dann sagt er, er unterstützt mich gern. Ich frage ihn meist, warum er das tut und er antwortet, weil er mich liebt. Was ich unglaublich süß finde und was mich sehr berührt. Das wirft dann nur leider jedes Mal die Frage in mir auf, ob das bedeutet, dass meine Familie mich nicht liebt.

Grenzen setzen

Ich spüre mich nicht gut. Das ist mir in den letzten Tagen, in denen ich krank war, mal wieder sehr deutlich geworden. Ich habe kein Gespür dafür, ob ich bereits über meine Grenzen gegangen bin und wie viel Kraft ich noch übrig habe.

Das hat einen ziemlich simplen Grund, der es mir aber heute massiv erschwert, meine Grenzen zu ziehen. Es ist nicht so, als wollte ich das nicht. Grenzen ziehen. Ich möchte das sogar ganz unbedingt. Ich kann es nur einfach nicht.

Ich habe meine Diagnose erst mit 25 bekommen. Ich bin nie wirklich ernst genommen worden, wenn ich meine Bedürfnisse kommuniziert habe. Das hat dazu geführt, dass ich auf fast alles nur noch mit „Das versteht ihr sowieso nicht!“ reagiert habe. Es ist grausam, ein Kind mit seinen Ängsten und Bedürfnissen nicht ernst zu nehmen. Dem Kind sogar zu unterstellen, dass es bloß manipulativ agieren würde, um sich selbst davor zu drücken, irgendeine Arbeit zu leisten.

Da meine Bedürfnisse immer wieder damit abgeschmettert wurden, dass ich mich nur anstellen würde und dass ich mich bloß zusammenreißen müsse, und ich eben ein Kind war, und Kinder alles dafür tun, um geliebt zu werden, habe ich gelernt, meine Grenzen zu ignorieren. Ich habe es immer wieder versucht. Ich habe mich immer und immer wieder zusammengerissen. Dabei ging ich so weit über meine Grenzen, agierte noch so lange grenzenlos stark, so dass die Genesung im Anschluss viele Monate dauerte.

Ich möchte an diesem Punkt etwas sehr Wichtiges ansprechen und ich möchte, dass ihr den Alarm in eurem Kopf ausschaltet, wenn ihr die folgenden Sätze lest. Ich spreche hier über nichts Akutes, ich reflektiere Vergangenes, es gibt also keinen akuten Handlungsbedarf und selbst wenn es ihn gäbe, läge dieser nicht bei euch. Danke!

Der Zusammenbruch kündigt sich grundsätzlich mit Suizidgedanken an. Erst nur nach dem Aufwachen. Ich öffne die Augen, die Nacht war nicht erholsam. Ich bin fertig, erschöpft. Mir tun die Gelenke weh und ich habe Rückenschmerzen. Darum wünsche ich mir, nie wieder aufstehen zu müssen. Ich will nur in Ruhe gelassen werden. Alles zerrt an mir.

Ich schlafe inzwischen um die 10h/Nacht. Von Woche zu Woche starte ich mit weniger Energie in den Tag. Laufe früher leer. Die Glieder schmerzen immer stärker. Gleichzeitig steigt die mentale Unterforderung. Weil ich keine Kraft mehr habe, um nur die Arbeit durchzustehen, kann ich nach der Arbeit nichts mehr für mich tun. Vor der Arbeit auch nicht, die Idee hatte ich auch.

Die Suizidgedanken werden häufiger. Immer häufiger. Lauter. Dramatischer. Irgendwann sind sie permanent anwesend. Beim Kaffee kochen, beim duschen, beim spazieren. Sie schreien mich an. Dann dauert es nicht mehr lange und ich kann nur noch atmen und es dauert eine halbe Ewigkeit, bis ich es aus diesem Zustand wieder herausschaffe. Ich liege dann nur noch im Bett und alles, was ich am Tag schaffe, ist duschen und Zähne putzen und das war’s.

Meine Hypothese dazu ist, dass meine Suizidgedanken eine dramatisierte Version meiner Erschöpfungsgedanken sind.

Ich bin alexithym, ich fühle meine Gefühle nicht, oder besser, ich kann das Gefühlte nicht mit den dazugehörigen Emotionen zusammenbringen. Ich kann meine Emotionen aber anhand meiner Gedanken identifizieren.

Ich will nicht wirklich sterben. Ich will mich nur ausruhen. Ich bin so weit hinter meine Grenze gegangen, habe meine Bedürfnisse so lange ignoriert, dass mein Körper keinen anderen Ausweg mehr sieht. Ich höre nicht auf ihn, also muss er lauter werden. Dramatischer. Noch lauter!

Wenn ich endlich permanent mit Suizidgedanken beschallt werde, erst dann bleibe ich stehen und begreife, was ich hier gerade tue. Ich spüre mich vorher einfach nicht. Ich bin besessen.

Ich bin so sehr von dem Gedanken besessen, normal sein zu müssen, um geliebt werden zu können. Selbstständig sein zu müssen. Autark!

Ich muss eine starke Frau sein, darf kein schwaches Weibchen sein. Ich darf nicht von meinem Mann abhängig sein, weil der mich sonst wie eine heiße Kartoffel fallen lässt. Und auch sonst verliert jeder umgehend den Respekt vor mir.

Ich bin intelligent und stark. Ich muss mich in eine Führungsposition hinaufarbeiten. Viel Geld verdienen. Ich muss es besser machen. Wenn ich mir nur nicht ständig selbst im Weg stehen würde, ja dann, dann könnte ich alles sein! Sogar den Nobelpreis gewinnen! Ich steh mir nur selbst im Weg, ich muss mich nur zusammenreißen und dann schaffe ich das auch. Ich habe das Potential dazu!

Aber ich kann es in Wirklichkeit nicht. Ich zerbreche an diesen Vorstellungen, an diesen Erwartungen, die die Welt in mich pflanzte und all die Jahre goss. Und jetzt bin ich durchlöchert und zerbrochen, wie ein altes Gewächshaus, dass zu klein für die Pflanzen in ihm geworden ist. Wann immer die Suizidgedanken so laut werden mussten, dass ich sie nicht mehr ignorieren konnte, ist irgendwas dauerhaft in mir kaputt gegangen.

Inzwischen ist mein Kraftkontingent so klein, dass ich kaum noch 10h/Woche arbeiten kann. Das nährt die Angst. Impostor-Syndrom, Panikattacken, zwanghaftes Heruminterpretieren von non-verbaler Kommunikation und sozialen Interaktionen, ohne je zu einem wirklichen Ergebnis zu kommen, erledigt den Rest. Ich traue mich kaum noch aus dem Haus.

Und damit habe ich inzwischen auch die letzte Chance darauf, ein normales Leben führen zu können, und darum liebenswert zu sein, verspielt. Ich kann nicht eine einzige Erwartung erfüllen, die an mich gestellt wurde. Alles, was mir bleibt, ist der bittere Geschmack des Versagens.

Und ich spüre die Blicke in meinem Rücken. All die schüttelnden Köpfe. Die geflüsterten „Sie steht sich eben selbst im Weg.“ und „Könnte sie sich nur zusammenreißen.“. Ich spüre die Verachtung. Die Abwendung. Das Naserümpfen.

Wertlos ist diese Frau, die anhängig ist von ihrem Mann und für ihn kocht und putzt und sonst nichts auf die Beine gestellt bekommt. Und dann benutzt sie auch noch eine Behinderung als Ausrede. Bemitleidenswert.

Ich bin so müde.

Ich bin gerannt, so schnell ich konnte, um diesem Urteil entgehen zu können und rannte doch nur im Kreis. Darum ignorierte ich jede Grenze. Ich durfte mir nur niemals eingestehen, dass ich die Kraft dafür nicht habe. Ich durfte mir nie etwas anmerken lassen. Alles vertuschen.

Ich wollte doch gemocht werden! Also war ich eben die starke, intelligente Frau, während hinter dieser Maske ein überfordertes, kleines Mädchen stand, die einfach nur in den Arm genommen werden und verschnaufen dürfen wollte. Doch wann immer ich jemandem das Mädchen hinter der Maske zeigte, entgegnete derjenige mir nur, ich soll mich nicht so anstellen und in der Arbeitswelt da draußen würde ich eh niemals Fuß fassen, wenn ich sowas nicht aushalten lerne.

Das Ergebnis: unzählige Burnouts, die mich jedes Mal für mehrere Monate komplett aus dem Leben nehmen. In denen Atmen, duschen und Zähne putzen die einzigen Herausforderungen sind. In denen ich mich dafür gräme, nicht mehr zu sein, als das, was ich bin. Nutzlos.

Ich will doch nur gemocht werden. Also ignoriere ich meine Grenzen. Ein Teufelskreis.

Die Sache mit der Isolation

Der letzte Job hat einiges in mir kaputt gemacht. Das war der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Bis zu meinem letzten Job ging ich zwar auch nicht gerade davon aus, dass ich non-verbale Kommunikation lesen könne, aber ich dachte, dass ich mich zumindest halbwegs zurechtfinde. Inzwischen traue ich mir wirklich gar nichts mehr zu und jedes Mal, wenn ich arbeiten war, drehe ich danach stundenlang komplett durch. Ich kann mich nicht entscheiden.

An dieser Stelle ein kleines Dankeschön an meine Twitterfollower, die so tapfer bei mir bleiben, auch wenn ich ständig wieder und wieder das gleiche Thema beweine.
Ihr seid die Besten!

Ich kann nichts einschätzen. Jede Information, die mir per non-verbaler Kommunikation zugeschickt wird, hat für mich unendlich viele, mögliche Facetten und kann von „Ich find dich und deine Arbeit super und möchte dich unterstützen“ bis hin zu „Ich hasse dich und ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder in diesem Beruf arbeiten kannst!“ einfach alles bedeuten. Ich weiß es nicht.

Jedes Mal, wenn ich arbeiten gehe und dort Kontakt zu anderen Mitarbeitern habe, stehe ich anschließend vor der Entscheidung, wie ich den Kontakt einordnen soll und … ich weiß es ehrlich nicht.

Dabei kann mir auch niemand helfen, denn ich weiß sehr genau, dass ich nur meine eigene Perspektive erzählen kann und die muss nicht einmal in der Formulierung stimmen. Das macht das ganze unterbewusst manipulierbar. Ich traue meiner eigenen Erzählung nicht. Was, wenn ich mich ganz falsch erinnere, weil ich traumatisiert bin und darum die Situation schon ganz falsch wahrgenommen habe? Ich weiß es eben nicht.

Ein Grund, warum ich nahezu keine Freunde habe, ist auch der, dass diese Sortierung, am Ende eines Kontakts, zu viel Kraft kostet. Ich habe aufgehört, diese Sortierung freiwillig machen zu wollen. Beruflich, klar, da ist es notwendig. In einem sehr geringen Maße auch beim Pole oder beim CrossFit. Letztendlich ist es dort aber auch egal, denn wir bezahlen alle für eine Dienstleistung und niemand hat Bock sich das zu verkacken.

Ich stand schonmal vor einem ähnlichen Problem, dabei ging es um unaufgeklärte Kontaktabbrüche. Dass ich diese Verzweiflung mal nach jedem(!) Kontakt fühlen könnte, hätte ich nie vermutet. In meinem Kopf existiert eine Reihe von Interpretationen, zwischen denen ich hin und her pinge.

Vielleicht ist es A, oder doch eher C? Es könnte aber auch H sein, eventuell aber auch B. Oder doch A? Was aber, wenn es in Wirklichkeit R sein könnte? Und habe ich überhaupt schon an X gedacht?

Nach und nach werden die positiven Einschätzung von den negativen verdrängt. Mir fallen definitiv mehr negative ein. Was vermutlich ein wenig daran liegt, dass ich in der Vergangenheit häufiger mal eine Situation positiv eingeschätzt habe und sie sich anschließend als negativ herausstellte. Ich habe also gelernt, dass meine Einschätzungen in der Regel zu positiv ausfallen und die negativen stattdessen wahrscheinlicher sind.

Ich sehe es nicht, wenn Menschen mir etwas Böses wollen und das wird mir zum Verhängnis. Da ich das nicht einschätzen kann, macht mir diese Situation Angst. Ich weiß, dass ich es nicht sehen kann und vermute es daher grundlos überall. Hinter jeder(!) Ecke lauert die Gefahr!

Wie komme ich da raus?

Bei den unaufgeklärten Kontaktabbrüchen war klar, dass ich diese Personen nie wiedersehen und ich die Wahrheit nie erfahren werde. Die Lösung lag auf der Hand, denn es ist tatsächlich komplett egal, wie ich mich entscheide. Ich entschied mich daher für die Einschätzung, mit der ich am besten meinen Frieden machen konnte, dieser Frieden war nämlich mein Ziel. Mir ist die Wahrheit nicht wichtiger als mein Frieden, wenn mir die Wahrheit sowieso für immer verborgen bleibt.

In diesem Falle ist es allerdings ein wenig anders, denn ich sehe diese Menschen ständig und jede Einschätzung eines Kontaktes hat Auswirkungen darauf, wie zukünftige Kontakte verlaufen werden. Ich stehe also vor zwei Fragen:

  1. Wie möchte ich den Kontakt zukünftig gestalten?
  2. Wie kann ich mich vor Verletzung und Isolation schützen?

Und hier entsteht der wahnsinnige Konflikt, mit dem ich kämpfe!

Auf die erste Frage möchte ich antworten, dass ich mir einen respektvollen, freundschaftlich liebevollen Umgang miteinander wünsche. Wir müssen nicht best friends werden, aber ich möchte ehrlich auf die Frage, wie es mir geht, antworten können und auch eine ehrliche Antwort erhalten.

Die zweite Frage kann ich aber nur mit rigorosem Rückzug beantworten und das ist genau das, was ich immer und immer wieder mache. Ich bin feinfühlig, ich fühle intensiv, ich bin leicht zu überwältigen und es liegt in der Natur der negativen Gefühle, stärker empfunden zu werden, als die positiven. Sie wollen schließlich ein Handeln erzeugen.

Das ist der einzige Weg, den ich kenne, um mich zu schützen. Wer mir egal ist, der kann mich nicht verletzen. So einfach ist das. Ich schaffe es nicht, mich anders zu verhalten. Selbst jetzt, wo ich wirklich intensiv darüber nachdenke, fällt mir keine andere Reaktion ein, die ich durchführen kann und die mir tatsächlich hilft.

Da ich vor dem Job immerhin noch versucht habe, einzuschätzen, ob der Kontakt nun positiv oder negativ ist, ich diese „Fähigkeit“ aber nun verloren habe, weil ich meiner Einschätzung nicht trauen kann, bleibt als zwangsläufige Konsequenz nur blind zu vermuten, dass der Kontakt schlecht lief und daher nur der Rückzug die korrekte Reaktion sein kann.

Wie schaffe ich es, wenn ich doch nicht sehe, wer mir Böses will, und das auch nicht lernen kann, Kontakte wieder positiv einzuschätzen?

Mir fällt dazu nur eine einzige Lösung ein und die lässt mich ratlos zurück.

Ich muss meinen Umgang mit Verletzung und Isolation verändern. Nur wie?